Hallen für Neue Kunst
Baumgartenstrasse 23
Schaffhausen/Switzerland
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Urs Raussmüller

Rede anlässlich der Übergabe des Georg Fischer-Preises 2010 der Stadt Schaffhausen an Urs und Christel Raussmüller am 24.2.2010 in den Hallen für Neue Kunst (Ausschnitt)

Wir sind hier in den Hallen für Neue Kunst. Wir sind inmitten von Kunstwerken, die in extremem Masse Ausdruck einer kreativen Haltung sind. Die Hallen als Ganzes sind Ausdruck eines kreativen Verhaltens – und das ist genau, was wir übertragen möchten. Wir wollen mit dem, was wir tun und wofür wir stehen, die Kreativität in die Gesellschaft tragen.

Kreativität ist eine Fähigkeit, die in jedem angelegt ist. Sie ist die grundsätzliche Kapazität zu einem gestaltenden Verhalten. Sie hat nicht nur für die Kunst Bedeutung, sondern für alle Belange des Lebens. Als Fähigkeit, über das Bekannte hinaus Neues hervorzubringen, ist Kreativität aktive Handlung – Handeln und nicht Zuschauen.

Die Wirkung von Kreativität ist Veränderung und nicht das Festhalten an Bestehendem. Die Kunstwerke, die wir um uns haben, haben jede Vorstellung von Kunst – und damit auch uns – verändert. Diese Kunst steht für Entwicklung, für Fortschritt und Innovation. Auf einen grösseren Nenner gebracht heisst das: Kreativität, wie sie in Werken wie diesen erfahrbar wird, ist das, was unsere Gesellschaft in höchstem Mass für ihre Entwicklung braucht.

Die Kreativität ist Ausdruck unserer Individualität. Sie kommt aus uns, und ihr unmittelbarer „Nachbar“ in uns ist unser jeweiliges Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist das Bild eines jeden von der Welt. Und dieses Bild ist bei jedem ein anderes. Die Welt selbst aber ist, was sie ist – und zwar vollkommen unabhängig von dem Bewusstsein, das wir von ihr haben.

Es muss uns unbedingt klar sein, dass die Welt ein Ganzes ist. Und ich, mit meinem subjektiven Bewusstsein bin ein Teil dieses Ganzen. Je bewusster mir die Welt wird, umso freier kann ich mich in ihr bewegen. Wenn ich offen bin für die Welt, kann ich mit ihren Gegebenheiten umgehen – immer im Sinne dieses Ganzen und ohne, dass durch mein Verhalten Schaden entstünde.

Mein Bewusstsein muss sich also den Gegebenheiten der Welt annähern – nicht etwa umgekehrt. Ich muss nicht meinen, ich müsste die Welt meinem Bewusstsein anpassen. Eine solche Einstellung ist nicht nur überheblich, sondern im Resultat möglicherweise letal. Sie beruht auf einer Lüge – vor mir selbst wie vor den anderen. Die Geschichte wie die Gegenwart bieten uns reichlich Beispiele für die Konsequenzen.

Das Bewusstsein von der Welt vollzieht sich über den Akt der Wahrnehmung. Und die Wahrnehmung steht im Zentrum unserer Bemühungen. Ich meine damit nicht irgendein Wahrnehmen, sondern das kreative Wahrnehmen: Wahrnehmung als eigener Akt, nicht als Bestätigung von bereits Bekanntem oder Übernahme von Vorgegebenem. Gemeint ist die Wahrnehmung des – noch – nicht Bekannten.

Eine solche Wahrnehmung erfordert eine Anstrengung, eine kreative Leistung. Denn um im Bewusstsein anzukommen, muss sie diese Struktur erst einmal öffnen. Und damit das Bewusstsein gelockert werden kann, muss die im Wahrzunehmenden vorhandene Energie kraftvoll sein. Dann kann das Neue in uns eintreten. Dann erweitert sich unser Verstehen, und es entwickelt sich ein Bewusstsein, das sich in seinen Handlungen auf die Gesellschaft auswirkt. Das, was wir Kultur nennen, ist nichts anderes als das Bewusstsein einer Gesellschaft.

Auch das ist zu verstehen: Kultur ist nicht eine Akkumulation von Objekten, Kultur ist ein Prozess. Unser Bewusstsein selbst ist ein Prozess. Die aufmerksame Wahrnehmung des Ganzen führt zu einer kontinuierlichen Erweiterung des Bekannten. Wer meint, er könne diesen Prozess behindern, hat nichts von dieser Welt begriffen.

Ich meine, unsere ganze Aufmerksamkeit muss dem kreativen Wahrnehmen der Welt gelten – uns selbst darin eingeschlossen. Erst aus dem sich entwickelnden Bewusstsein heraus können wir konstruktive kreative Handlung begehen.

Die Hallen für Neue Kunst sind ein Ort, wo kreatives Wahrnehmen eintreten kann. Sie bieten eine Fülle von Anstössen, die das Bewusstsein öffnen können. Der Prozess des Bewusstwerdens ist dann die Sache eines jeden selbst.

In diesem Sinn hätten wir die Hallen gerne genutzt gesehen. Die Hallen sind nicht wegen der Kunst da, sie sind mit der Kunst für Sie da. Und das ist nun mein grosser Wunsch: nicht zuschauen, nicht passiv reagieren – sondern mit voller Aufmerksamkeit vom Betrachter zum Beteiligten werden – zum selbst kreativ Handelnden. Nutzen Sie die Hallen für Neue Kunst als Mittel zu diesem Ziel.

Besten Dank!